[Seinen]Psycho-Pass

      [Seinen]Psycho-Pass

      Edit: Da Randir einen deutlich präziser ausformulierten Text zu Psycho-Pass geliefert hat, der meine Kerngedanken allesamt mit aufgreift, werde ich mich auf die harten Fakten beschränken:


      Psycho-Pass

      サイコパス


      Erscheinungsjahr: 2012; 12. Oktober
      Länge: Vrs. 22 Folgen
      Momentaner Stand: 17 Folgen (20. Februar)
      Setting: Sci-Fi
      Genre: Cyberpunk, Action, Krimi, Dystopie
      Studio: Production I.G
      Writer (Anime): Gen Urobuchi ( Bekannt für z.b. LN zu Black Lagoon)
      Writer (Manga): Hikaru Miyoshi (Adaption des Anime, erschienen im Magazin Jump Square)

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      Psycho-Pass ist eine Serie, bei der von Anfang an klar ist, dass sie sich eher früher als später intensiv mit dem Setting, in dem sie angesiedelt ist, auseinandersetzen wird müssen. Die Gesellschafts- und Kriminalitätskonzepte in Psycho-Pass, wie sie im OP ja schon angerissen wurden, sind auf den ersten Blick nicht überschäumend originell: Wer Brave New World gelesen oder auch nur Minority Report gesehen hat, dem werden sich bald gewisse Parallelen aufdrängen, die ja auch durchaus schon durch das halbe Cyberpunk-Genre eilfertig bedient worden sind. Jedoch: Wie es sich für eine gute Dystopie gehört, ist beileibe nicht alles so wie es scheint, und wer sich lediglich eine techophobe Hetzschrift wider das Informationszeitalter erwartet, wird möglicherweise spätestens im dritten Serienviertel überrascht werden - wenngleich freilich nicht unbedingt angenehm überrascht. Schließlich reden wir hier immer noch über ein Werk von Gen Urobuchi, der erwiesenermaßen aus den ohnmächtigen Trauertränen seiner Rezipienten sexuelle Gratifikation schöpft. [citation needed]

      Stil und Substanz sind in Psycho-Pass wunderbar ausbalanciert. Der Zeichenstil ist eine Augenweide und harmoniert sowohl mit dem Setting (man ist sicher für jede von Schatten dominierte Suspense-Szene dankbar wenn man ansonsten 100% des Frames mit der üblichen Detailverliebtheit ausfüllen müsste) als auch mit der unaufgeregten Erzählweise ganz ausgezeichnet. Die Charaktere sind glaubwürdig und hüllen sich nur in dem Maße in kryptische Mysterien, in dem es für das Storytelling unabdingbar ist. Das mag selbstverständlich klingen, ist es aber - zumal in diesem Genre - leider keineswegs. Wer sich, wie meine Wenigkeit, schon das eine oder andere Mal darüber aufgeregt hat, dass so manche Serie nur durch melancholisches Brüten der Protagonisten Spannung aufzubauen versucht, wird mit Freuden die Botschaft hören, dass die Charaktere in Psycho-Pass tatsächlich auch miteinander kommunizieren, wie man es, y'know, von einer Arbeitsgemeinschaft im Allgemeinen und einer Polizeieinheit im Besonderen ja durchaus erwarten könnte und sollte.

      Das Pacing ist überraschend flott, jedenfalls in Hinblick auf das Genre. Das dürfte nicht zuletzt auch damit zu tun haben, dass der Anime tatsächlich (auch) eine Geschichte erzählen will. Wiederum gilt: Das ist durchaus nicht selbstverständlich, und manch anderes Medium hätte sich längst damit begnügt, als moralinsaure Metaphern-Müllhalde irgendwo in den Sphären pseudophilosophischer Selbstbeweihräucherung herumzuschweben, ohne letztlich irgendwo anzukommen.

      Also alles eitel Sonnenschein? Natürlich nicht; alleine schon, weil das ja dem Serienkonzept zuwiderliefe.
      Zum einen schrammt Akane, die weibliche Protagonistin, hart an der Grenze des Designated-Protagonist-Status vorbei. Sie erfüllt, gerade anfangs, eine wichtige Rolle im Narrativ - wir lernen durch ihre Newbie-Augen das uns noch unbekannte Setting kennen und finden in ihrer Unsicherheit und menschlichen Wärme ein Bindeglied zwischen 'ihrer' und 'unserer' Gesellschaft. Allerdings bleibt sie als Charakter über weite Strecken recht flach, und es braucht die gesamte erste Serienhälfte und die
      Spoiler anzeigen
      Ermordung Yukis durch Makishima
      bis man sie als Zuschauer wieder einigermaßen zur Kenntnis nimmt.
      Zum zweiten ist die Serie, wie gesagt, zwar deutlich sparsamer mit großen dramatischen Gesten ohne nennenswerten Inhalt als so manch anderer Vertreter des Genres, aber dadurch fallen sie freilich nur umso unangenehmer auf, wenn sie dann doch mal stattfinden. So kann es durchaus schon mal befremdlich wirken, wenn der Antagonist - seines Zeichens ein klassischer White-Haired Pretty Boy - in resignierendem Tonfall Shakespeare zitiert. (Oder Jonathan Swift, Philip K. Dick, Marcel Proust, Blaise Pascal, J.W. Goethe sowie den obligatorischen George Orwell).

      Summa summarum ist Psycho-Pass zweifellos einen Blick wert, und ich biete mich selbst als Beispiel dafür an, dass nicht nur Hardcore-Cyberpunk-Fans etwas mit der Serie anfangen können. Einzige Voraussetzungen sind 1.) ein Kopf, der geringfügig mehr leistet als das Eindringen von Regenwasser in den Hals zu verhindern, und 2.) eine gewisse Resistenz gegen Drama und Konfliktpotential, weil ein Konzept von Gen Urobuchi nun mal grundsätzlich nicht aus Regenbögen und Schmetterlingen besteht.

      P.S.: Ein gewichtiger Faktor bei der Gesamteinschätzung der Serie wird - so viel lässt sich durchaus schon sagen - das Ende der Serie bzw. dessen erzählerische Umsetzung sein. Ich habe vor, mein Posting danach nochmals entsprechend abzuändern.



      Noumi Kudryavka: Drowning grown men in their own tears AND inflicting them with diabetes since 2007.
      Das mit den krminellen als cops kenn ich doch von irgendwoher... ist schon was aelters.. *denk*
      Cyber city Oedo 808 hies der ... ein hoch auf google.
      "Ich bin gleich zurück, sterbt nicht kreischend ohne mich!"
      "Bleib stehen, ich versuch' dich zu erschießen!"
      "Frag mich ob ich zuhöre. Spoiler: Ich hör nicht zu!"
      Oh, sieh nur, eine hübsche Kiste voll Mitleid! Oh, warte, ist gar keins drin!

      discord schrieb:

      Das mit den krminellen als cops kenn ich doch von irgendwoher... ist schon was aelters.. *denk*
      Cyber city Oedo 808 hies der ... ein hoch auf google.


      Das Konzept als solches ist zweifellos noch viel älter. Allerdings gibt es ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal in Psycho-Pass: Die im Dienste der Polizei stehenden sog. Enforcers sind latente Kriminelle, d.h. sie haben sich unter Umständen noch gar nichts zuschulden kommen lassen. Tatsächlich ist es in den ersten Episoden sogar ein Plot Point, dass auch Opfer eines Verbrechens als Folge ihres durchlebten Traumas einen erhöhten Kriminalitäts-Koeffizienten aufweisen und eigentlich ihrerseits als latente Kriminelle behandelt werden müssten. Die sich aufdrängende Who-watches-the-watchmen-Fragestellung wird im Serienverlauf eingehend beleuchtet.


      EDIT:
      Wie bereits angekündigt nun also noch ein paar Gedanken zum Serienfinale:
      Spoiler anzeigen
      Das offene Ende hat wohl niemanden mehr überrascht; schließlich war bei 22 angekündigten Episoden ja schon seit einiger Zeit absehbar, dass man wohl keinen nennenswerten gesellschaftlichen Umbruch mehr aus dem Hut zaubern wird. Allerdings ist es ein bittersüßes Ende der angenehmeren Art: Akane hat sich endlich zur Protagonistin gemausert (hat ja auch nur die gesamte Serienlaufzeit gedauert), Ginoza hat sich - wenngleich auf Kosten seines Ranges als Inspektor - von einer neurotischen Karikatur seiner Profession zu einem dreidimensionalen Charakter gewandelt, und wir haben einen durchaus charmanten Sequel Hook. Wir mussten dafür zwar mit Makishima und Masaoka zwei exzellente Charaktere den blutigen Pranken Gen Urobuchis opfern, aber damit dürfte sich der diesbezüglich einigermaßen bewanderte Zuschauer ja ohnehin längst arrangiert haben; schließlich handelt es sich um den primären Antagonisten sowie die obligatorische ältere Mentorenfigur - beides nicht gerade Garanten für hohe Lebenserwartung in fiktionalen Werken jedweder Couleur.
      In Summe bleiben viele Fragen offen, viele Schicksale unklar und keine der vertretenen Positionen als ultima ratio erkennbar. Genau wie es bei der bearbeiteten Materie auch sein sollte, denn einfache Lösungen aus dem Handgelenk zu schütteln ist nicht der Stil von Psycho-Pass, und der Anime wird dadurch nur um so reizvoller.

      P.S.: Yayoi x Shion = OTP.



      Noumi Kudryavka: Drowning grown men in their own tears AND inflicting them with diabetes since 2007.

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      Psycho Pass - Review

      Cyberpunk's not DEAD!!!

      Und mit Psycho Pass kommt er mit großen Schritten auf die Bildfläche zurück!

      Psycho Pass spielt in einer klassischen Cyberpunkzukunftswelt:
      Ständige Überwachung, die Leitung der Gesellschaft durch ein großes System, eine düstere, nur scheinbar unbeschwerte Atmosphäre und, wie schon in "Ghost In The Shell" oder "Animatrix" mit einem bzw. mehreren Ermittlern als Protagonisten.





      Die Welt in (gar nicht allzu ferner) Zukunft. Als Tsunemori Akane ihre Arbeit als Ermittlerin in der Behörde für öffentliche Sicherheit beginnt, ist sie sich noch unsicher, ob ihre Berufswahl wirklich die richtige Entscheidung gewesen ist. Doch das allgegenwärtige Sybille-Sytem hat ihr für die Behörde für öffentliche Sicherheit die bestmöglichen Vorraussetzungen zugesprochen, genau wie für nahezu jedes andere Ministerium, alles aufgrund ihrer guten Testergebnisse. Doch bald schon wird ihr klar, dass die Arbeit für öffentliche Sicherheit nichts mit ihrem Schulunterricht gemeinsam hat. Ihre Aufgabe besteht darin, zusammen mit Ermittler Ginoza die Personen aufzuspüren, die von Sybille's Scannern als "potenziell kriminell" eingestuft wurden.
      Unterstützung erhalten sie dabei von so genannten "Spürhunden" oder auch "Vollstreckern", die zwar ebenfalls "potenziell kriminell" sind, sich allerdings in den Dienst der Polizei gestellt haben, um einem Leben, eingesperrt in einer Gumizelle, zu entkommen.
      Plötzlich jedoch wird ein Muster in einer Reihe von kürzlich vorgefallenen Mordfällen klar, das die öffentliche Sicherheit aufhorchen lässt. Gleichzeitig keimen Zweifel in Ermittlerin Tsunemori
      auf. Ist das Sybille-System tatsächlich so perfekt, wie sie bisher angenommen hatte...?


      Psycho Pass ist für mich einfach DER Cyberpunk-Anime, der das Genre ins Jahr 2012 bringt (zugegeben, so viel war da auch nicht gewesen, in letzter Zeit^^). Er vereint für mich das klassische Ermittler-Bild mit einer Welt, ähnlich der Orwells in 1984 und knüpft damit in meinen Augen ein wenig an die Ghost in the Shell Staffeln an. Es ist jedoch weit mehr als ein Remake; die Story unterscheidet sich doch sehr, der Anime ist philosophischer, kritischer. Erinnern die ersten Folgen noch an Filme wie Zodiac oder Copykill, so wird am Ende weit mehr daraus gemacht und die Geschichte zieht weit größere Kreise. Psycho Pass ist mitunter durchaus philosophisch, gleichzeitig aber auch spannend und mitreißend.
      Dabei bleibt Psycho Pass auf dem Boden der Tatsachen, hinterlässt aber schlussendlich dennoch einen eher hoffnungsvollen Eindruck.


      Geschrieben wurde Psycho Pass übrigens von Gen Urobuchi, der schon für "Fate/Zero" und "Black Lagoon" bekannt geworden ist.

      Hier meine abschließende Bewertung (maximal 5 Noten pro Punkt):

      Handlung: ♪ ♪ ♪ ♪ ♪
      Charakter Design: ♪ ♪ ♪ ♪
      Umsetzung: ♪ ♪ ♪ ♪
      Soundtrack: ♪ ♪ ♪ ♪


      Gesamtwertung: 4,25

      Mit "Umsetzung" meine ich in erster Linie die Umsetzung der Story im Anime, also die Farbgebung und die Animationen, aber auch den Schnitt und die "Kamera", wenn man es so nennen will etc.
      Jeder Part stellt 25%.


      Hoffe, die kleine Review hat euch gefallen, vielleicht schaut sich der ein oder andere den Anime ja mal an :)!
      Kleiner Kommentar von mir:
      Holy Moly. Was für eine Serie. Ich bin noch nicht ganz durch, also bitte nicht wundern. (Folge 17 momentan)
      Ich will jetzt auch gar keine Zusammenfassung schreiben o.ä., sondern mich ganz alleine auf den philosophischen Punkt konzentrieren, der bei mir zu mindestens 105% den Reiz der Serie ausmacht.

      Der Gesellschaft wird vorgegaukelt, dass sie durch das Sybil-System geschützt worden sind. Es wird nie klar gesagt, was das genau ist, aber den Menschen, wie auch dem Zuschauer wird vermittelt, dass es so etwas, wie ein Supercomputer ist, der durch bestimmte Algorythmen, Emotionen analysieren und dadurch den Geisteszustand zu "messen", bzw. das Aggressions- oder Kriminalitätspotenzial von Menschen festzustellen. So jedenfalls habe ich mir das durch die Andeutungen immer vorgestellt.
      Spoiler anzeigen
      In Wirklichkeit ist das natürlich nicht so, wie man zum Ende hin feststellen wird. Aber der Fakt, dass quasi "Menschen" andere Menschen kontrollieren und nach bestimmten Kriterien bewerten und bestrafen - einfach so! - ist schon ziemlich krass. Später werde ich darauf nochmal ein wenig genauer eingehen

      Das heißt also, Menschen, die nicht ins System passen werden aussortiert. und man bemüht sich sehr darum hineinzupassen und seinen eigenen Psycho Pass mit bestimmen Mittel möglichst "rein" zu halten. (Ich frage mich übrigens womit? Irgendwelche Methoden sollen ja den Stress reduzieren. Ich gehe davon aus, dass das im Groben, wie Therapiesitzungen oder Stressbälle funktioniert. Man lässt also verbal oder eben körperlich seinen Stress raus. NOCH lustiger wäre es, wenn man dafür Medikamente verschrieben bekäme, á la: verblendete, verdrogigte Gesellschaft bzw. Schäfchen :D Auch wenn ich nicht daran zweifle, dass irgendwelche Drogen eingesetzt werden.)
      Heißt also: Das was HEUTZUTAGE gilt, also möglichst der Gesellschaftsnorm zu entsprechen, das wird genau hier auf den psychologischen Zustand als Faktor übertragen. Nur mit härteren Konsequenzen.
      Da frage ich mich: Wo bleibt da die Individualität? Im Anime wird teilweise gezeigt, wie die Menschen sich verbiegen müssen, um ihrern Stresslevel gering zu halten. Die Freiheit eigenständig zu Handeln ist hier einfach, im Gegensatz zu unserer Gegenwart, völlig verloren gegangen (Vorrausgesetz, dass man Freheit als etwas definiert, was nicht innerhalb eines menschenmöglichen Handelns eingeschränkt wird. In Wahrheit sind wir natürlich alle in unserer Freiheit eingeschränkt. Regeln, Gesetze, Normen sind da nur ein Beispiel. Essen, schlafen etc. ist ein weiteres. Aber ihr versteht was ich meine, ja? ;) ).
      Weiterhin wird die komplette Gesellschaft in Sicherheit gewiegt, denn was ist, wenn das System einmal ausfällt? EMP-Strike o.ä.? Dann ist ja die Hölle los! Und niemand ist darauf vorbereitet.
      Spoiler anzeigen
      Sieht man ja, als Shougo bzw. Choe die Helme entwickelt.


      Spoiler anzeigen
      Jetzt nochmal kurz zu dem Punkt, dass die Gesellschaft, bestehend aus vielen, vielen Individuellen Persönlichkeiten, von gut 200 anderen "besonderen" Individuen kontrolliert werden. Dargestellt wird das Ganze ja als ein Netz, dass zusammengesetzt als eine Art Gott fungiert. Vielleicht wird das ja noch am Ende erklärt, aber sind die Gehirne an sich nicht Emotionsresistent? Wurde ihnen das Zentrum, dass Emotionen steuert entfernt? Denn wenn nicht, ist das einfach eine merkwürdige Form von geheimer Diktatur.


      Also, was sagt ihr dazu? Ich hab bestimmt noch viel mehr in gehabt, dass ich hätte schreiben können, aber das Meiste ist mir auf dem Weg von Gehirn zu Fingern verloren gegangen ;)

      Loloque schrieb:

      Holy Moly. Was für eine Serie. Ich bin noch nicht ganz durch, also bitte nicht wundern. (Folge 17 momentan)
      Neiiin, sag nicht, dass du das alte Format anschaust? In dieser Season ist ein Remake angelaufen: Psycho-Pass Extended Edition. Die Optik wurde dort etwas aufgepeppt, es enthält zusätzliche Szenen, die das Original nicht hat und die Folgen erscheinen in 45min Länge (Die Serie wird in 12 anstelle von 20+ Folgen ausgestrahlt). Aber gut, die Show scheint dir trotzdem zu gefallen :)

      Loloque schrieb:

      Das heißt also, Menschen, die nicht ins System passen werden aussortiert



      Ist das aber in unserer Gesellschaft nicht zum Teil auch so? Viele Justizsysteme beschränken sich darauf Sträflinge nicht etwa zu resozialisieren, sondern sie einfach einzusperren und von der Gesellschaft auszuschliessen, bzw. die Gesellschaft vor ihnen "zu schützen", was ein zentrales Motiv von Psycho-Pass ist. Wobei ich zugebe, dass das Sibyl System etwas krasser ist...^^


      Loloque schrieb:

      (Ich frage mich übrigens womit? Irgendwelche Methoden sollen ja den Stress reduzieren. Ich gehe davon aus, dass das im Groben, wie Therapiesitzungen oder Stressbälle funktioniert. Man lässt also verbal oder eben körperlich seinen Stress raus. NOCH lustiger wäre es, wenn man dafür Medikamente verschrieben bekäme, á la: verblendete, verdrogigte Gesellschaft bzw. Schäfchen :D Auch wenn ich nicht daran zweifle, dass irgendwelche Drogen eingesetzt werden.)
      Es ist sehr ärgerlich, dass die Serie niemals versucht genau zu erklären, wie sich der Psycho-Pass zusammen setzt. Sie verwendet ihre eigene Terminologie sogar an einigen Stellen dermassen widersprüchlich (wobei das auch ein Problem der Übersetzung sein kann), dass es sehr schwer ist zu rekonstruieren, was sie überhaupt damit meint. Folgendes scheint klar zu sein:

      Als latenter Krimineller gilt man ab einem Kriminalitätskoeffizienten von über 100.

      Der Psycho Hue (oder manchmal eben auch als Psycho-Pass bezeichnet) beeinflusst den Kriminalitätskoeffizienten und kann ihn entweder steigern (nicht gut) oder senken (gut).


      Neben dem Psycho Hue gibt es eine Reihe anderer, niemals näher genannter, Faktoren, biologischer (Genetischer?), psychologischer und sozialer Natur, die den Kriminalitätskoeffizienten verstärken können (Rockmusik scheint einen negativen Einfluss darauf zu haben).

      Die Hierarchie scheint also so zu sein: Kriminalitätskoeffizient > Psycho Hue > eine Reihe anderer Faktoren.

      Der Psycho Hue wiederum wird durch Stress oder allgemein durch psychischen Druck beeinflusst. Ein Mensch, der sich in einer Notlage befindet (Opfer von Kriminalität) und deshalb einem erhöhten Stresslevel ausgesetzt ist, hat einen hohen Hue und entsprechend einen hohen Krim.Koef. (oder einfach KK).


      Das verlfixte an der Sache ist: Der KK scheint gleichzeitig Flexibel und statisch zu sein. D.h. er kann unter gewissen Umständen tatsächlich gesenkt werden, sodass jemand, der temporär zum latenten Kriminellen wurde, wieder in die Gesellschaft reintegriert werden kann (du hast es ja schon angesprochen: Therapie, und ja, auch Drogen --> Antidepressiva...ist ja nichts ungewöhnliches). Allerdings scheint der KK auch statisch zu sein, denn es gibt offenbar einen "Point of no return", von dem es eben kein Zurück mehr gibt. Ist dieser Punkt erreicht, kann ein latenter Krimineller seinen KK nie mehr weit genug senken, um Teil der Gesellschaft zu werden. Wann ist man also noch zu retten und wann nicht?

      Ich glaube es kommt darauf an, welcher der vielen Faktoren dafür verantwortlich ist, dass der KK über 100 angestiegen ist. Dafür gibt es durchaus Hinweise in der Show, die man aber selbst sich mühsam zusammen reimen muss :( Kunizuka zum Beispiel wurde in eine Justizanstalt eingeliefert, war aber allerdings (erstaunlicherweise) nicht mehr zu retten, obwohl man ihr dort eingeredet hat, es gäbe noch Hoffnung für sie. Doch warum ist ihr KK überhaupt erst angestiegen? Es war kein plötzliches Ereigniss (Gewalt, Verbrechen, Stress, etc...), dass ihren KK temporär erhöht hatte, sondern ein langwieriger Prozess, der ihn über eine längere Zeit hatte eskalieren lassen. Ihre obsessive Liebe zu Rockmusik und der Gitarre scheint ein Auslöser (nebst ihrer Freundin) dafür gewesen zu sein.

      In mehreren Szenen wird aber angedeutet, dass ein erhöhter Psycho Hue (der für den erhöhten KK verantwortlich ist) bei rechtzeitiger Therapie, unter Kontrolle gebracht werden kann, sodass es durchaus Hoffnungen gibt für "Patienten".

      Aber es gibt trotzdem Situationen, die offene Fragen lassen. Zum Beispiel scheint Ginos gegen Ende stetig steigender KK nicht bloss durch Stress induziert zu sein, sondern durch eine tiefer greifende Sinnkrise, die ihn das Sibylsystem und sich selber hinterfragen lässt. Trotzdem sagt sein Arzt, er könne seinen KK rechtzeitig unter Kontrolle bringen durch eine Therapie...Wobei, vielleicht hatte der Arzt auch einfach nicht erkannt, worin das Problem bei Gino wirklich liegt...?

      Aber die Sache mit dem Psycho-Pass ist so verflixt, dass ich ab einem gewissen Punkt einfach aufgehört habe zu versuchen, zu verstehen, was er ist, bzw. wie er zustande kommt. Es reicht mir zu wissen, dass die Prämisse der Show darin beruht, dass man durch den Psycho-Pass (oder eben KK) errechnen kann, ob jemand zu Kriminalität neigt und dass man durch Echtzeit-Scanns den Psycho-Pass messen kann. Wie, wo, was, weshalb ist in erster Linie unwichtig. Das ist halt der Fluch einer jeden Sci-Fi Show. Sie geht von Prämissen aus, die nach unserem Wissensstand technisch unmöglich sind (Stichwort FTL, u.ä.). Anyway!


      Loloque schrieb:

      Heißt also: Das was HEUTZUTAGE gilt, also möglichst der Gesellschaftsnorm zu entsprechen, das wird genau hier auf den psychologischen Zustand als Faktor übertragen. Nur mit härteren Konsequenzen.
      Da frage ich mich: Wo bleibt da die Individualität?
      Ich glaube, dass es tatsächlich nicht darum geht einer sozialen Norm zu entsprechen. Ohne jetzt die Differenzierung zwischen Gesetz, Regel und Norm machen zu wollen, scheint das Sibyl System nur auf zwei Dinge ausgelegt zu sein:

      1. Identifizieren von latenten Kriminellen und das Wegsperren bzw. töten ebendieser
      2. Verhindern, dass latente Kriminelle überhaupt erst auftreten (ja, der KK ist nicht - zumindest nicht komplett - ab Geburt determiniert oder rein Zufallsbedingt, wie durch zufälliges Genmaterial oder sowas...).

      Der zweite Punkt wird dadurch erreicht, dass man alle Faktoren in der Gesellschaft entfernt, die Menschen dazu bringen, einen erhöhten KK zu haben. Ergo geschieht das, dessen Konsequenz am Ende so aussieht, wie du als Einschränkung von Freiheit und Individualität bezeichnest. Ja, es ist wahr, dass beispielsweise die Berufswahl alleine durch das Sibylsystem bestimmt wird. D.h. Sibyl entscheidet (anhand von quantifizierbaren Kriterien), welche Berufe sich für welche Menschen eignen. Es kann aber durchaus vorkommen, dass mehrere Berufswege zu einem Menschen passen, weshalb er dann durchaus die Wahl hat. Aber diese Restriktion ist alleine dem Versuch geschuldet zu vermeiden, dass Menschen "falsche" Karrierewege einschlagen und als Folge dessen unglücklich/depressiv/unzufrieden werden, wodurch sich der KK erhöhen kann.



      Die Frage, die sich stellt ist doch: Was ist das Sibylsystem? Es ist nicht ein politischer Herrscher, denn Japan wird weiterhin durch eine demokratisch gewählte Repräsentativregierung gelenkt. Sibyl ist viel mehr ein regulatives System, das die Spielregeln des sozialen (nicht politischen) Zusammenlebens festlegt und durchsetzt. Mit der politischen Theorie beschrieben, hätte Sibyl am ehesten Ähnlichkeit mit einer extremen, totalitären Form der Judikativen Staatsgewalt. Sibyl macht ja auch nichts, das wir Menschen nicht seit Anbeginn unserer Geschichte tun: unser Zusammenleben durch Regeln regulieren (fuuu...ein Pleonasmus!). Der Unterscheid zu früheren sozialen Systemen (und ja, jede soziale Organisationsform lässt sich als System beschreiben, man siehe nur mal die ganzen sozialen Systemtheorien an von Leuten wie Niklas Luhmann oder Bourdieu). Sibyl unterscheidet sich ja lediglich durch zwei Dinge von diesen alten Systemen:

      1. Es bedient sich des technischen Fortschritts, um seine Regeln durchzusetzen (Pycho-Pass Scann)
      2. Es ist dermassen totalitär, dass es nicht mehr nur das Öffentliche Leben der Bürger reguliert, sondern auch das Private. Der Grundsatz "Gedanken sind frei" gilt bei Sibyl nicht mehr, denn der Psycho-Pass Scann kann diese als gefährlich entlarven.



      Loloque schrieb:

      Also, was sagt ihr dazu?
      Naja, das geniale an dieser Show ist eben, dass es nicht eine einfache, 0815 Cyberpunk Dystopie ist. Im Gegenteil, ich könnte sogar argumentieren, dass die hier gezeigte Gesellschaft nicht eine dystopische, sondern eine utopische ist (tue es aber nicht, da diese Argumentation davon abhängt, wie man die angeblichen Gegensatzpaare Utopie - Dystopie definiert).

      Wenn wir genau hinschauen, dann zeigt uns Psycho-Pass eine Gesellschaft, die funktioniert. Die Kriminalität ist kaum vorhanden. Diejenigen Verbrechen die wir sehen, sind nur möglich, weil gewisse Menschen dem System entfliehen können, oder sogar ausserhalb der Parameter des Systems existieren, wie Shogo Makishima. Aber dies sind dermassen seltene Ausnahmefälle, dass man durchaus sagen kann, dass Sibyl Kriminalität (fast) ausgerottet hat.

      Die Frage die du stellst, was mit der Individualität bzw. der persönlichen Freiheit sei, so möchte ich eine historische Beobachtung zum Besten geben ;)

      Die These ist diese: soziale Systeme sind am stabilsten, wenn die Freiheit des Individuums eingeschränkt ist.

      (Achtung, theoretischer Exkurs)
      Spoiler anzeigen

      Die Beobachtung ist diese: Der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann hat beobachtet, dass es hauptsächlich drei sehr prominente Formen sozialer Ordnung gab in der Menschehitsgeschichte (die Sigularitäten sind mal Aussen vor gelassen):

      1. Segmentäre Familienstrukturen (ab Entstehung der Menschnheit bis zur Agrarrevolution)
      2. Monarchische Organisationsform (ab Agrarrevolution bis ca. 1750 v.Chr. für Europa) --> ist es nicht erstaunlich, dass in den entlegensten Winkeln der Welt, fast alle grösseren Gesellschaften einmal monarchisch organisiert waren?
      3. Die moderne, nach Funktionssystemen geordnete Gesellschaft

      Die Theorie ist nun die folgende. Anthropologen haben segmentär organisierte Gesellschaften untersucht und festgestellt, dass es sowas wie ein Individualitätskonzept gar nicht gibt (Wir Historiker und Soziologen glaube auch, dass das Konzept vom Individuum erst um ca. 1750 entsteht, also ein modernes Konzept ist). In segmentären Gesellschaften läuft die Identität über den Clan/Familie/Unmittelbare Gruppe. Geht es der Gruppe gut, geht es dem Ich gut. Es ist interessant, dass die Menschheit während über 100.000 Jahren in segmentären Strukturen gelebt hat, ohne dass man neue Organisationsformen hatte entwickeln müssen. Dies spricht dafür, dass diese "primitive" soziale Ordnung die stabilste ist, weil sie wenig Raum für soziale Konflikte lässt.
      Monarchien kamen ins Spiel, sobald mehr Menschen zu einer Gruppe (Reich --> Agrarrevolution) dazugehörten und man ausdifferenziertere Lebensstrukturen brauchte. Auch da: Die persönliche Identität wurde über die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht definiert: Bauer, Adeliger, König, Familie. Auch hier gibt es das Konzept vom Individuum und Wohl/Freiheit des Individuums gar nicht und trotzdem bzw. genau deshalb konnten sich Monarchien als ein dominantes soziales System auf unserem Globus durchsetzen während ca. 7.000 - 10.000 Jahren.
      Schauen wir unsere, moderne Gesellschaft an: 250 Jahre im Business und eine soziale, ökonomische, politische Katatsrophe jagt die andere. Wir leben in der instabilsten Gesellschaftsorganisation aller Zeiten, trotz bzw. wegen dem Konzept des Individuums und dem Anspruch des Wohls des Individuums. Selbst die Kommunisten, die es nicht so mit der Freiheit hatten, versuchen das Wohl des Individuums sicherzustellen. Sie sehen die Lösung nur nicht in der freien Marktwirtschaft ^^




      Sibyl scheint zur Antwort gekommen zu sein, dass eine stabile Gesellschaft nur durch eine stärkere Repression von Individualität zu erreichen ist. Eine These, die gar nicht so revolutionär ist, wie man vielleicht denkt. Die Frage ist nur, ob so eine Gesellschaft erstrebenswert ist. Und genau da setzt Gen Urobuchi an. Er konzipiert diese Utopie (!), die ja eigentlich auch funktioniert und fängt dann an langsam Löcher rein zu bohren; er macht das, was er am besten kann: dekonstruieren.

      Die Charaktere sind dabei auch sehr interessant. Kogami war Mal Teil des Sibyl Systems, hat es aber (freiwillig) verlassen, um eine andere Form von Gerechtigkeit zu suchen. Shogo Makishima existiert ausserhalb der Regulierbarkeit des Systems, er ist also eine Anomalie, mit der aber jedes System früher oder später zu kämpfen hat (siehe Systemtheorie). Akane ist diejenige, die im Sibyl System aufgewachsen ist (Kogami zwar auch), sich aber am Ende bewusst und trotz der ihr offenbarten Wahrheit FÜR das System entscheidet. Sie kommt zum Schluss, dass Sibyl schützenswert ist, weil deren Ergebnisse für sich sprechen.

      Was mir an Psycho-Pass so gefällt, ist dass solch komplexe Fragen (soziale Ordnung, Recht, Gerechtigkeit, Justiz, etc...) nicht oberflächlich und einfältig behandelt werden. Die meisten Sci-Fi Dystopien kommen am Ende zu einem Schluss a la: "soziale Repression ist schlecht" oder "Wer Freiheit zu Gunsten von Sicherheit opfert, verliert am Ende beides" (B. Franklin). Dabei wird ein rebellischer Held genommen, der heroisch gegen die Repression "des Systems" ankämpft und entweder gewinnt oder tragisch scheitert. Aber wie du sagst: Holy Moly! Es geht auch anders. Man kann komplexe Fragen auf komplexe Art behandeln und mehrere Perspektiven aufzeigen, ohne dem Zuschauer ein pauschales moralisches Urteil aufzuzwingen. Anstelle uns zu sagen, wie schlecht doch dieses oder jenes sei, zwingt Psycho-Pass den Zuschauer sich selber zu hinterfragen. Ist Repression wirklich so schlecht oder ist die Geschichte der Menschheit nicht eher von freiwilliger selbstrepression geprägt, die für das soziale Zusammenleben unabdingbar ist. Wie weit darf/soll diese Repression/Regulation gehen? Inwiefern kann technischer Fortschritt helfen? (Interessant: Soziale Veränderungen scheinen immer mit technischem Fortschritt einher zu gehen: Agrarrevolution --> Monarchie; 1750 - 1850 mit unzähligen von technischen Neuerungen und dem erstmaligen Aufkommen des Fortschrittsbegriffs --> Moderne funktional ausdifferenzierte Gesellschaft; Internet/digitales Informationszeitalter --> ???).


      Der langen Rede kurzer Sinn:

      Du hast absolut recht! Psycho-Pass ist genial :)
      Ohhh Bokis berühmter Wall of Text :D
      Spoiler anzeigen

      Boki schrieb:

      Neiiin, sag nicht, dass du das alte Format anschaust? In dieser Season ist ein Remake angelaufen: Psycho-Pass Extended Edition. Die Optik wurde dort etwas aufgepeppt, es enthält zusätzliche Szenen, die das Original nicht hat und die Folgen erscheinen in 45min Länge (Die Serie wird in 12 anstelle von 20+ Folgen ausgestrahlt). Aber gut, die Show scheint dir trotzdem zu gefallen :)


      Uh ich dachte ehrlich gesagt, das wäre sowas wie eine zweite Staffel ^^° Naja, vielleicht rewatche ich die Serie irgendwann und erinnere mich an das Remake

      Spoiler anzeigen

      Boki schrieb:

      Ist das aber in unserer Gesellschaft nicht zum Teil auch so? Viele Justizsysteme beschränken sich darauf Sträflinge nicht etwa zu resozialisieren, sondern sie einfach einzusperren und von der Gesellschaft auszuschliessen, bzw. die Gesellschaft vor ihnen "zu schützen", was ein zentrales Motiv von Psycho-Pass ist. Wobei ich zugebe, dass das Sibyl System etwas krasser ist...^^


      Das Problem ist, dass nicht nur Leute eingesperrt werden, die etwas verbrochen werden, sondern solche, die "potenziell" etwas tun könnten! Und für einige scheint es dann nicht mal eine Heilung zu geben, d.h. sie werden von der Gesellschaft isoliert, obwohl sie nicht ein Verbrechen begangen haben.


      Spoiler anzeigen

      Boki schrieb:

      Allerdings scheint der KK auch statisch zu sein, denn es gibt offenbar einen "Point of no return", von dem es eben kein Zurück mehr gibt. Ist dieser Punkt erreicht, kann ein latenter Krimineller seinen KK nie mehr weit genug senken, um Teil der Gesellschaft zu werden. Wann ist man also noch zu retten und wann nicht?


      Ich fürchte da gibt es nicht mal eine Zahl, die das festlegt. Also entscheidet das Sybil Sytem dies entweder mithilfe ihrer unfehlbaren Intuition (oder auch ihren System mit dem sie anscheined alles Emotionsmäßige lesen, analysieren und bewerten können. Je nachdem, wie man es nennen mag.) oder es gibt eine Art Mischverhältnis von KK und Psycho Pass-Farbe, dass irgendwie Aufschluss darüber gibt, ob ein Mensch zu retten ist oder nicht. Anders kann ich mir das nicht erklären.

      Spoiler anzeigen

      Boki schrieb:

      Aber es gibt trotzdem Situationen, die offene Fragen lassen. Zum Beispiel scheint Ginos gegen Ende stetig steigender KK nicht bloss durch Stress induziert zu sein, sondern durch eine tiefer greifende Sinnkrise, die ihn das Sibylsystem und sich selber hinterfragen lässt. Trotzdem sagt sein Arzt, er könne seinen KK rechtzeitig unter Kontrolle bringen durch eine Therapie...Wobei, vielleicht hatte der Arzt auch einfach nicht erkannt, worin das Problem bei Gino wirklich liegt...?


      Entweder das ooooder es gibt einfach eine Art Therapie/Droge, die einen wieder an das Sybil System glauben lässt. Eine Art Propagande Video, etwas, dass die Menschen manipuliert. Vielleicht beides zusammen. À la "Kommunisten sind so böse" - Videos, die Schülern damals in den USA gezeigt wurden.

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      Boki schrieb:

      Ich glaube, dass es tatsächlich nicht darum geht einer sozialen Norm zu entsprechen. Ohne jetzt die Differenzierung zwischen Gesetz, Regel und Norm machen zu wollen, scheint das Sibyl System nur auf zwei Dinge ausgelegt zu sein:

      1. Identifizieren von latenten Kriminellen und das Wegsperren bzw. töten ebendieser
      2. Verhindern, dass latente Kriminelle überhaupt erst auftreten (ja, der KK ist nicht - zumindest nicht komplett - ab Geburt determiniert oder rein Zufallsbedingt, wie durch zufälliges Genmaterial oder sowas...).


      Natürlich ist mein Punkt nur die Konsequenz aus den Zielen, die das Sybil Sytem verfolgt. Aber was ist mit den Menschen, die einen getrübten Psycho Pass haben oder einen hohen KK? Es muss ja nicht sofort heißen, dass sie Gewalt verüben, es bedeutet NUR, dass sie ein gewisses Aggressions- oder Gewaltpotenzial besitzen. Und Menschen mit einem getrübten PP könnten z.B. Suizid begehen. Was gibt dann dem Sytem das Recht diese wegzusperren? Die Hoffnung auf Besserung? Oder einfach nur die Angst, dass das Stresslevel eines Gebietes erhöht wird, indem sich der Mensch das Leben nimmt?
      Ersteres ist nicht immer möglich. Auch heutzutage gibt es Menschen, die ohne Grund depressiv sind oder an unheilbaren psychischen Krankheiten leiden, die sie dazu bringen den Freitod zu wählen. Da müssen die Therapien der Zukunft ganz schön gut sein, um solche Menschen zu "retten".
      Das klingt jetzt ein wenig kleinkariert, aber man kann die Sache noch in verschiedenen Richtungen weiterspinnen und es tauchen mehr und mehr Unschlässigkeiten und Fehler auf, die das Sybil System zu bewältigen hat. Und ich interessiere mich WIRKLICH dafür, wie sie ebendies tun. Oder wie die Therapien aussehen.

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      Boki schrieb:

      Sibyl macht ja auch nichts, das wir Menschen nicht seit Anbeginn unserer Geschichte tun: unser Zusammenleben durch Regeln regulieren (fuuu...ein Pleonasmus!).


      Ebendas ist glaube ich, was mich an diesem System so stört. Irgendwann geht dann einfach unsere soziale Kompetenz verloren.
      Heutzutage regeln ( :D ) wir das automatisch alles selbst. Das ist natürlich nicht immer gut, da wir z.B. Menschen, die aufgrund von Geisteskrankheiten Verbrechen begehen, nicht immer sofort erkennen. Und wenn, dann ist es eventuell zu spät.
      Aber ich glaube ich bin jemand der im Vergleich zu Psycho Pass sagen würde "Früher war alles besser!". Denn, wenn wir unsere soziale Kompetenz verlieren, dann ist es nur ein kleiner Schritt bis wir nicht mehr mit alltäglichen Problemen fertig werden (Das geht mir auch sooo auf den Sack. Im Anime muss man fast gar nichts mehr selbst machen! Sicher sind die technischen Fortschritte u.a. ziemlich großartig, aber ich muss dabei unwillkürlich an die ganzen fetten menschen aus "Wall-E" denken. ;) ). Und das zerstört doch im Endeffekt die Gesellschaft oder?
      Makishima will wissen, ob der Glanz der Seele des Menschen es "wert" ist zu existieren. (Hab mit Fansub geschaut. Merkwürdige Formulierung, aber ich kann mir ein vorstellen, was gemeint ist.) Natürlich kann ich jetzt schelcht definieren, was Makishima oder wir unter "Seele" verstehen, aber ist es nicht so, dass wir, wenn wir uns von einem System leiten lassen, dass wichtige Teile unseres kompletten Lebens bestimmt, eigentlich gar nicht mehr Leben brauchen?
      Meiner Meinung nach beruht "leben" auf den Höhen und Tiefen und vor allen Dingen den Erfahrungen, die wir machen. Ich denke nicht, dass diese der Gesellschaft komplett genommen werden, aber einige Teile davon existieren nicht mehr. Wie z.B. einen falschen Beruf gewählt zu haben (Der Job ist langweilig, über- oder unterfordert einen...) und dann damit umzugehen, eventuell sogar Dinge zu lernen, mit denen man in dem Beruf, in dem man am glücklichsten wäre, nicht in Berührung gekommen wäre. So etwas würde da fehlen, würde MIR fehlen.

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      Boki schrieb:

      (Achtung, theoretischer Exkurs)

      Tatsächlich ist es schon ziemlich logisch, dass die Gesellschaft besser funktioniert, wenn Freiheiten eingeschränkt und individuelle Persönlichkeiten einen sekundären Rang einnehmen. Aber ist es das was wir wollen? Für manche mag das gut sein, für uns in diesem Zeitalter, in Erste-Welt-Länder eher weniger...
      Menschen sind soziale, intelligente Tiere und ich merke gerade selber, dass ich mich eeeetwas egoistisch anhöre. Aber, wenn unser Ziel ist eine perfekte Gesellschaft zu erschaffen, die davon definiert ist Freheiten einzuschränken oder Individualismus zu unterdrücken, dann ist das Leben doch nicht mehr lebenswert. (s.o.)
      Das klingt super radikal und ich schreibe auch gerade weniger rational, mehr emotional, aber das ist meine Sicht der Dinge. ;)


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      Boki schrieb:

      Akane ist diejenige, die im Sibyl System aufgewachsen ist (Kogami zwar auch), sich aber am Ende bewusst und trotz der ihr offenbarten Wahrheit FÜR das System entscheidet. Sie kommt zum Schluss, dass Sibyl schützenswert ist, weil deren Ergebnisse für sich sprechen.


      Akane war ja mal ein super fabulöser Charakter! Am Anfang dachte ich "Super, eine 08/15 schüchterne, introvertierte süße junge Frau. Wie auch IMMER die zu diesem Job gekommen ist." Aber nein! - sie hat sich entwickelt. Und das krass. Das gefiel mir richtig gut. Als sie das erste mal Ginoza widersprochen hat, dachte ich nur "Huch, wasn' jetzt los?! o.o" Klasse Sache :D
      Trotzdem denke ich, sie hat sich aufgrund ihrer Persönlichkeit FÜR das Sytem entschieden.
      Kogami war nunmal der Rebell, die das naive Strebermädchen (jetzt mal gaaaaanz grob runtergebrochen und verglichen.).

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      [

      Boki schrieb:

      (Interessant: Soziale Veränderungen scheinen immer mit technischem Fortschritt einher zu gehen: Agrarrevolution --> Monarchie; 1750 - 1850 mit unzähligen von technischen Neuerungen und dem erstmaligen Aufkommen des Fortschrittsbegriffs --> Moderne funktional ausdifferenzierte Gesellschaft; Internet/digitales Informationszeitalter --> ???).


      Vielleicht sind Menschen aufrund technischer Fortschritte so damit überfordert mitzuhalten, dass sie dafür die Einschränkung von etwas anderem hinnehmen, damit das Leben an sich nicht zu kompliziert wird.



      Boki schrieb:

      Du hast absolut recht! Psycho-Pass ist genial :)

      OH JA! :)

      Loloque schrieb:

      Das Problem ist, dass nicht nur Leute eingesperrt werden, die etwas verbrochen werden, sondern solche, die "potenziell" etwas tun könnten! Und für einige scheint es dann nicht mal eine Heilung zu geben, d.h. sie werden von der Gesellschaft isoliert, obwohl sie nicht ein Verbrechen begangen haben


      Ja, ich verstehe dein Argument durchaus, allerdings gibt es auch darin Ähnlichkeiten mit unserem heutigen Justizsystem. Das Stichwort hierzu wäre Sicherheitsverwahrung (wobei ich nicht weiss, wie ihr das in Deutschland nennt...). Ein Sexualstraftäter zum Beispiel (gilt aber auch für andere Straftäter) kann selbst nach dem Verbüssen seiner Strafe weiterhin verwahrt werden, wenn eine hohe Rückfallgefahr von ihm ausgeht. Obwohl man eigentlich mit dem Absitzen einer Strafe rehabilitiert sein sollte, kann man trotzdem darüber hinaus weiter verwahrt werden, auch wenn man kein neues Verbrechen verübt hat. Diese Massnahme dient dazu die Gesellschaft von rückfallgefärdeten Straftätern zu schützen.

      Das geniale an Psycho-Pass ist das Gedankenexperiment, das diese Situation weiterspinnt. Was wenn man wissenschaftlich GENAU sagen könnte, ob ein Mensch dazu neigt ein Verbrechen zu verüben oder nicht? Bei uns heute muss zuerst eine Straftat begangen werden, damit man von Rückfallrisiko sprechen kann. Aber wass, wenn man das Wort Rückfallrisiko durch "latenter Krimineller" ersetzen könnte?

      In der Justizphilosophie muss eine Strafe folgende Zwecke erfüllen:

      1. Bestrafen
      2. Abschrecken
      3. Resozialisieren
      4. Gesellschaft vor Straftätern schützen

      Was wenn man den Psycho-Pass/KK tatsächlich berechnen könnte? Dann würde die Bestrafung und Abschreckung wegfallen. Der Akzent läge dann bei Resozialisierung und wo nicht mehr möglich, beim Schutz der Gesellschaft. Sibyl ist von dem her unserem Strafvollzug gar nicht so unähnlich. Ja, es ist viel radikaler, aber die Grundphilosophie ist nicht so verschieden.


      Loloque schrieb:

      Anders kann ich mir das nicht erklären.


      Ja, ich verstehe es auch nicht wirklich, aber darum geht es auch nicht. Es ist eben ein Gedankenexperiment, das mit der Prämisse beginnt: "Was wenn man die potentielle Neigung eines Menschen, ein Verbrechen zu begehen, messen könnte?". Das wie ist dabei nebensächlich, es geht der Serie nur um das "was wäre wenn?".


      Loloque schrieb:

      Entweder das ooooder es gibt einfach eine Art Therapie/Droge, die einen wieder an das Sybil System glauben lässt. Eine Art Propagande Video, etwas, dass die Menschen manipuliert.


      Interessanter Gedanke, aber dies würde irgendwie nicht zur Serie passen. Gen Urobuchi gibt sich alle Mühe zu zeigen, dass Sibyl eigentlich funktioniert in der Praxis. Wenn es aber nur funktionieren würde, wenn es die Menschen einer chemischen Gehirnwäsche unterziehen würde, wäre die Grundprämisse nicht mehr gegeben.

      Loloque schrieb:

      Und Menschen mit einem getrübten PP könnten z.B. Suizid begehen. Was gibt dann dem Sytem das Recht diese wegzusperren?


      Also wenn ich dich recht verstehe, beschreibst du in diesem Abschnitt zwei verschiedene Probleme:

      1. Was gibt Sibyl das Recht Menschen wegzusperren, die kein Verbrechen begangen haben?
      2. Ist Suizid im Sibyl System ein Verbrechen?

      Du hast recht, jemand der einen getrübten Psycho-Pass hat, könnte auch kein Verbrechen begehen, oder auch Suizid begehen. Beides ist denkbar. Allerdings geht es Sibyl nicht darum Menschen für Verbrechen zu bestrafen, sondern Verbrechen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Zu diesem Zweck muss es Menschen aus der Gesellschaft entfernen, die ihr potentiell gefährlich werden könnten.
      Was gibt Sibyl das Recht dazu? SEHR GUTE FRAGE! Ich denke das ist eine der zentralen Fragen der Serie. Ich weiss nicht mehr in welcher Folge das war, aber es wird an einer Stelle deutlich gesagt, dass Sibyl Japan nicht auferzwungen wurde, sondern dass es eine Volksabstimmung zur Einführung des Systems gab. Somit geniesst Sibyl eine demokratische Legimation, was so ziemlich die höchste (juristische/ideologische) Legitimation ist, die man sich vorstellen kann (ethische Legitimation wäre das andere, aber die besitzt Sibyl offensichtlich nicht^^). Wer gibt Sibyl das Recht? Die Gesellschaft, die sich dem System selber unterordnet.
      Anders gefragt, wer gibt heute einem Richter das Recht einen Verbrechen einzusperren? Was ist überhaupt ein Verbrecher? Die Gesellschaft legt die eigenen Spielregeln (bewusst und unbewusst) fest und schränkt die eigenen Individuen ein. Wer die Regeln bricht, wird mit Konsequenzen belegt. Somit besitzt Sibyl eine verdammt gute Legitimation.

      Ok, Sibyl ist also rechtens, aber ist es auch gerecht? Das ist eine ganz andere Frage ^^ Doch wie entscheidet man, ob ein Justizsystem gerecht ist? Wann ist ein Gesetz gerecht? Auge um Auge, klingt doch zunächst auch ziemlich gerecht...Wie Du mir, so ich Dir! Oder doch nicht? Ganz ehrlich, hier stehe auch ich auf dem Schlauch...Du bist die Philosophin, sag du es uns! ;)


      Loloque schrieb:

      Ebendas ist glaube ich, was mich an diesem System so stört. Irgendwann geht dann einfach unsere soziale Kompetenz verloren.


      Ja, absolut! Damit triffst du den Nagel auf den Kopf. Aber Psycho-Pass behandelt auch diesen Aspekt!

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      Als Shogo Makishima die Helme verteilt, die es Sibyl verunmöglichen den PP des Trägers zu messen, gerät die ganze Gesellschaft aus den Fugen. Eine Frau wird brutal zu tode geschlagen inmitten einer Menschenmenge und die Leute tun nichts dagegen. Sie denken es sei ein Spiel oder Theater. Sie machen Filme davon und zeigen diese im Internet (oh, ein kleiner Seitenhieb an die Gegenwart? ^^), weil sie nicht begreifen, was hier geschieht. Wie auch? Sibyl verunmöglicht eigentlich, dass soetwas geschieht, somit denken diese Menschen, die noch nie ein Verbrechen gesehen haben, auch nicht an die Möglichkeit, dass da gerade etwas Schlimmes passiert.
      Doch dies wird auf geniale Weise noch weiter aufgebrochen. Nachdem die guten Bürger entlich begriffen haben, dass die Helmträger nichts gutes im Schilde führen, schlagen sie zurück. Plötzlich werden die Helmträger (also die Verbrecher) zu den Opfern der guten Bürger, die nun zu Verbrechern werden, nicht etwa weil sie etwas verbotenes tun, sondern nur weil sie einen hohen PP haben. Da wird offensichtlich, dass die Menschen, die unter Sibyl leben einen Teil ihrer Sozialkompetenzen verloren haben. Sie haben sie nicht ganz verloren, weil es durchaus einfühlsame Freundschaften gibt (Akane und ihre Freundinnen) und die Tatsache, dass es überhaupt menschliches Zusammenleben gibt, deutet darauf hin, dass Sozialkompetenz nicht verloren ist. Sie setzt sich nur anders zusammen.
      Und hier wird auch Sibyl aufgebrochen. Sie beurteilt nicht das Handeln der Menschen, sondern den Menschen selbst. Wenn einer der Bürger einen Helmträger umgebracht hätte, aber die Therapie auf ihn anschläge, dann käme dieser sofort wieder frei. Darum hat Sibyl solche Probleme mit Makishima umzugehen, denn sie kann ihn nicht richten. Der Mensch Makishima lässt sich eben nicht durch das System beurteilen; Sein Kriminalkoeffizient ist nicht messbar. Doch dass er unzählige Menschen umgebracht hat, ist für Sibyl im Grunde egal, denn nicht die Handlung wird beurteilt, sondern eben der Mensch. Anders gesagt: Die Parameter vom Justizsystem haben sich verändert. Was tut man nun mit Makishima?



      Loloque schrieb:

      Aber, wenn unser Ziel ist eine perfekte Gesellschaft zu erschaffen, die davon definiert ist Freheiten einzuschränken oder Individualismus zu unterdrücken, dann ist das Leben doch nicht mehr lebenswert. (s.o.)


      Worin besteht der Wert des Lebens?

      Du hast recht, unser Leben dreht sich schon längst (schon seit der Agrarrevolution) nicht darum lediglich zu überleben. Unser Überleben ist gesichert. Also worauf sollen wir unser Handeln nun ausrichten?
      Für mich ist die Antwort: Kultur. Ich finde Kultur, d.h. Dinge erschaffen (ob nun Kunst, Wirtschaft, Technik, etc...all das sind Sphären der Kultur), kreativ sein, ist das, was unser Leben lebenswert macht und was dafür sorgt, dass mein Leben selbst nach meinem Ableben eine Bedeutung und Funktion hat, nämlich die Reproduktion (nicht von mir...^^) von Kultur.
      Doch schliesst Sibyl Kultur aus? Sie schränkt sie ein, aber das heisst nicht, dass es unter Sibyl nichts mehr gäbe, wofür es sich lohnen würde zu leben. Ja, Sibyl sagt was akzeptierte Kunst ist und was nicht, doch das heisst nicht, man darf überhaupt keine Kunst mehr betreiben. Doch was, wie bei Kaguya, wenn man sich nicht aussahen kann, welche Form von Kunst man verfolgt, sondern wenn man eben getrieben wird von etwas? Auch das behandelt die Serie: Der PP von Künstlern ist offenbar anfälliger als andere, weshalb diese öfters aus der Gesellschaft entfernt werden.


      Davon ausgehend, und von der Prämisse, dass Sibyl ja eigentlich funktioniert, habe ich mich oftmals gefragt: "Was wenn ich ein latenter Krimineller wäre?". Ich hätte vielleicht auch für Sibyl abgestimmt, doch was wenn 10 Minuten nach Einführung von Sibyl mich jemand mit einem Dominator abknallen würde, weil mein KK zu hoch ist?
      In diese Richtung geht ja Makishimas Philosophie: Wo bleibt der freie Wille? Sibyl geht davon aus, dass der Mensch wissenschaftlich zu durchleuchten wäre. Doch Makishima beruht sich auf den alten aristotelischen Spruch "Das Ganze ist mehr, als die Summe seiner Teile". Für Makishima ist die zentrale menschliche Eigenschaft der freie Wille, der einen Menschen auch gegen seine Veranlagung handeln lässt. Doch hierin liegt Makishimas Fluch. Er sucht diesen freien Willen in Menschen, die gegen das System rebellieren. Sein Gedankengang scheint im ersten Moment auch logisch: Wer sich gegen das System auflehnt, muss freien Willen besitzen. Doch Makishima ist von allen seinen Lieblingsverbrechern entäuscht worden, weil es sich herausgestellt hat, dass sie nicht aus freien Stücken handeln, sondern von etwas getrieben werden (meistens von irgendwelchen psychischen Komplexen und/oder Ideologien). Wer handelt in Psycho-Pass wirklich frei? Die drei Protagonisten:

      Makishima
      Kogami
      Akane

      Diese sind die einzigen, die in Psycho-Pass Entscheidungen treffen können. Makishima entscheidet sich das System abzulehnen, nicht etwa weil er einen Komplex hat, sondern weil er es als menschenunwürdig erachtet. Kogami lehnt das System nicht ab, im Gegenteil, als er als latenter Krimineller eingestuft wird, kämpft er nicht gegen Sibyl an. Er akzeptiert Sibyl. Allerdings entscheidet er sich im Verlaufe der Show nach Gerechtigkeit zu streben. Er erkennt zwar, dass Sibyl rechtens ist und auch funktioniert, aber er begreift, dass Sibyl nicht gerecht ist und es niemals sein kann. Interessnterweise lehnt er aber auch gegen Schluss das System nicht ab, er ordnet sich ihm sogar unter (er gibt seinen Kollegen die Erlaubnis ihn zu töten nachdem alles vorbei ist), er entschliesst sich nur eine Lücke im System durch Selbstjustiz zu schliessen.

      Trotzdem denke ich, sie hat sich aufgrund ihrer Persönlichkeit FÜR das Sytem entschieden.


      Du hast natürlich nicht unrecht. Allerdings handelt ja nicht Akane, denn Akane existiert nicht. Gen Urobuchi lässt Akane handeln, bzw. verpasst ihr eine Persönlichkeit. Warum? Was ist Akanes Funktion? Das ist die zentrale Frage. Sie ist erstaunlicherweise, neben Makishima, die einzige, die alle Informationen zur Verfügung hat. Sibyl sagt ihr die Wahrheit über alles (genau so sagt Sibyl auch Makishima alles^^). Und Sibyl lässt Akane wählen, auch wenn Sibyl dies wohl nur tut, weil es weiss, wie sich Akane entscheiden wird. Doch trotzdem entscheidet sie sich aus freien Stücken, sie lässt ihren freien Willen also walten, für das System. Hier ist wohl Makishimas Fehler, denn er sieht den Freien Willen nur in der Rebellion gegen das System. Man kann sich aber auch für ein System entscheiden, auch wenn man die Fehler und Schwächen des Systems kennt.

      Was wir als hier haben, sind drei verschiedene Philosophien und teilweise auch verschiedene Menschenbilder, die aufeinanderprallen. Auch wenn sich Akane für Sibyl entscheidet, gibt es keinen klaren Sieger. Kogami erhält seine Rache, Akane kann ihn also nicht retten. Makishima ist auch nicht unbedingt der Verlieren, auch wenn er sein Ziel nicht erreicht. Er hat das System bis an den Rand des Abgrunds gebracht, soweit, dass es sich entschlossen hat sein grosses Geheimnis einer Polizistin zu enthüllen. Und Akane scheint mir mit ihrer Entscheidung auch nicht ganz zufrieden zu sein. Das liebe ich an diesem Ende: es gibt keine Moral in der Geschicht...nur ein Gedankenexperiment :)
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